Köln

Was folgt auf die Entführung von Maduro?


Hände weg von Venezuela. Foto: DKP Köln

Das Ereignis

Unmittelbar nach der Entführungsaktion in der Nacht vom 2. auf den 3. Januar teilten US-Präsident Trump und sein Generalstabschef Caine der Presse Einzelheiten und Zwecke des Angriffs auf Venezuela mit. Caine war sichtlich stolz auf die Aktion. Ohne die „unglaubliche Arbeit verschiedener Nachrichtendienste, darunter die CIA, die NSA und die NGA, hätten wir diese Mission nicht durchführen können“, erklärte er. Sie hätten Monate damit verbracht, „Maduro zu finden und herauszufinden, wie er sich bewegte, wo er lebte, wohin er reiste, was er aß, was er trug und welche Haustiere er hatte.“Die Operation begann kurz nach Mitternacht Ortszeit mit Bombenabwürfen auf Wohngebiete und militärische Einrichtungen in Caracas und Umgebung. Mehr als 150 Flugzeuge – Bomber, Kampfflugzeuge, Überwachungsflugzeuge und Hubschrauber, bemannt und unbemannt – seien von 20 verschiedenen Punkten an Land und auf See aufgebrochen, um gleichzeitig in Venezuela angreifen zu können.

Die Luftschläge galten den venezolanischen Luftabwehr- und Kommunikationssystemen. Das Land verfügt über russische S-300-Luftverteidigungssysteme. Deren Ausschaltung und Zerstörung hatte das US-Militär zuvor wochenlang trainiert. Explosionen auf dem Flugplatz La Carlota und dem Militärkomplex Fuerte Tiuna im Raum Caracas rissen die Leute aus dem Schlaf. Weiträumig war der Stromversorgung unterbrochen. Laut General Caine konnte der Überraschungseffekt genutzt werden, um die Interventionstruppe in die Innenstadt von Caracas zu bringen. Die Hubschrauberstaffel erreichte Maduros Anwesen um 1:00 Uhr US-amerikanischer Ostküstenzeit bzw. 2:00 Uhr Ortszeit in Caracas. „Bei der Ankunft im Zielgebiet gerieten die Hubschrauber unter Beschuss und erwiderten diesen mit überlegener Feuerkraft und in Ausübung ihrer Selbstverteidigung“, berichtete General Caine. Dabei sei ein Helikopter getroffen worden, aber flugfähig geblieben.

Trump, der zuvor (laut New York Times) Sorge hatte, es könnte ihm wie weiland Jimmy Carter mit dem Iran gehen, durfte sich freuen.

Debakel in der Salzwüste

Wir erinnern uns. Am 4. November 1979 waren bewaffnete iranische Theologiestudenten in die US-Botschaft in Teheran eingedrungen und hatten 90 Personen, darunter 65 Amerikaner, als Geiseln genommen. Sie verlangten die Auslieferung des vormaligen Schah Reza Pahlavi, der in die USA geflohen war. Zunächst reagierte der amerikanische Präsident Jimmy Carter mit einem Öl-Embargo, kurz darauf mit verschärften Sanktionen. Erfolglos. Einige Monate benötigte das US-Militär für die Planung eines Befreiungsversuchs. In der Nacht vom 24. zum 25. April 1980 war es so weit. Transportflugzeuge und acht Hubschrauber landeten auf einem Behelfslandeplatz in der Großen Salzwüste im Südosten des Iran. Aber es fielen gleich zwei der Hubschrauber wegen eines Sandsturms aus, ein dritter wurde bei der Landung beschädigt. Daraufhin wurde die Mission abgebrochen. Die Amis suchten das Weite. Aber in der Hektik der Flucht touchierte ein Hubschrauber ein Transportflugzeug und stürzte ab. Acht amerikanische Soldaten kamen bei der missglückten Aktion um. Ihre Leichen wurden bei den folgenden Protestdemonstrationen in den Straßen Teherans gezeigt. Das Fernsehen immer dabei. Erst am 6. Mai 1980 konnten die Leichen in die USA überführt werden.

Die Iran-Contra-Affäre

Vier Monate später tobte ein Krieg gegen den Iran, zu dem die USA den Irak veranlasst hatten. Dem Irak ging es um die Wiedergewinnung des ölhaltigen Schatt el-Arab. Die USA drängten den Irak zwar zum Angriff, lieferten aber Waffen an beide Seiten. Das ist in der Iran-Contra-Affäre öffentlich geworden. Unter Umgehung des Kongresses schickte die Reagan-Administration Panzer- und Flugabwehrsysteme an den Iran. Die Gewinne aus diesen Geschäften gingen an die Contras. Die CIA finanzierte mit Waffenhandel und Kokainschmuggel den Guerilla-Krieg gegen die sandinistische Regierung Nicaraguas.

Der Irak-Iran-Krieg dauerte acht Jahre und kostete 800.000 Menschen das Leben.

Der Mord an Soleimani vor genau sechs Jahren

Dennoch war für die USA, namentlich für Donald Trump, die Scharte des Salzwüstendebakels von 1980 noch nicht ausgewetzt. Gelegenheit dazu gab es just an einem 3. Januar, ebenfalls morgens um 1.00 Uhr. Allerdings im Jahr 2020. Eine US-amerikanische Drohne schoss am Flughafen Bagdad fünf Raketen auf eine Fahrzeugkolonne. Sie töteten neun Männer sowie General Qasem Soleimani, Kommandeur der iranischen Al-Kuds-Brigaden. Soleimani war kurz zuvor mit dem Linienflugzeug aus Damaskus gelandet und in diplomatischer Mission unterwegs. Das Attentat hatte US-Präsident Donald Trump befohlen und noch am selben Tag per Twitter gerechtfertigt. Der irakische Ministerpräsident Adel Abd Al-Mahdi indes erklärte vor dem Parlament in Bagdad, „für die Geschichte“: Er habe für Freitag morgen einen Termin mit General Qasem Soleimani gehabt. Dieser hatte eine Antwort der iranischen Führung auf eine Botschaft Saudi-Arabiens zu überbringen, die der Irak vermittelt habe.

Trump hatte den Mordbefehl nicht zur Abwehr einer „unmittelbaren Gefahr“ erteilt, wie die offizielle Begründung lautete, sondern im Gegenteil zur Eskalation der Lage. Denn es drohte zumindest Entspannung, wenn nicht sogar Frieden im Nahen und Mittleren Osten. Zweck des Attentats war in Wahrheit: die Vermeidung von Frieden.

Wenn nicht Trump selbst es gedrängt hätte, am Abend seines Triumphes an diesen Mord – genau sechs Jahre später – wie an eine Heldentat zu erinnern, hätte ich ihn nicht erwähnt. Trump freute sich ungeniert: „mit überwältigender amerikanischer Militärmacht zu Lande, zu Wasser und in der Luft wurde ein spektakulärer Angriff gestartet“. Es sei ein Angriff gewesen, wie man ihn seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gesehen hätte. Das Ziel: Eine „schwer befestigte Militärfestung im Herzen von Caracas, um den gesuchten Diktator Nicolàs Maduro der Justiz zu überführen.“ „Wir wollen Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit für das großartige Volk von Venezuela“, beteuerte Trump. Neben dem bekannten Vorwand, Maduro sei verantwortlich für Drogenhandel, sprach Trump ganz offen über das Thema Erdöl.

Über Guantanomo nach New York

Der Zugriff kostete mehr als 100 Menschen das Leben, darunter 32 Kubanern, die die Aufgabe hatten, das Leben von Maduro zu schützen. Verletzte oder getötete US-Militärs werden nicht erwähnt. Laut General Caine ergaben sich Nicolàs Maduro und eine Frau Cilia Flores nach einem anfänglichen Versuch, sich in einen Schutzraum zu flüchten. Sie wurden von FBI-Beamten festgenommen. Bei ihrer Rückkehr zu den „schwimmenden Stützpunkten“ gerieten die Helikopter erneut in Gefechte. Caine konnte aber berichten: „Um 3:29 Uhr Ostküstenzeit befand sich die Truppe mit den angeklagten Personen an Bord über dem Wasser“. Maduro und seine Frau wurden in den frühen Morgenstunden per Hubschrauber aus der Hauptstadt Caracas ausgeflogen und an einem unbekannten Ort in der Karibik an Bord des US-Kriegsschiffs „USS Iwo Jima“ gebracht. Es folgte ein Flug zur US-Marinebasis Guantanamo Bay auf Kuba und von dort nach New York. Hier sollen die beiden vor Gericht gestellt werden. Laut US-Justizministerin Pam Bondi lauten die Anklagepunkte unter anderem „Verschwörung zum Drogenterrorismus“ und „Verschwörung zum Kokainimport“.

Apropos Guantanamo Bay und Kuba. Am 6. Januar berichtete die „Washington Post“, dass für Donald Trump und Außenminister Rubio der Zusammenbruch der Regierung Kubas nicht nur ein Nebeneffekt des Maduro-Aktion sein werde, sondern Ziel der Aktion. Trump: Ohne Maduro und das venezolanische Öl sehe „es so aus, als steht Kuba kurz vor dem Zusammenbruch“. (nach Bernhard Trautvetter, Ossietzky Nr. 2/26 vom 24. Januar 26)

Offenkundig verstößt der Angriff gegen Venezuela und die Entführung von Maduro gegen das Völkerrecht, ebenso wie die Kaperung von Öltankern und die Bombardierung von Fischerbooten durch US-amerikanisches Miltär in den Monaten zuvor. Die US-Angriffe auf angebliche Drogenschmuggler in diesen Fischerbooten töteten laut US-Medien 90 Menschen.

Angesichts heftiger Aufstände im Iran wird uns zugemutet, das zu vergessen. Aber das Gegenteil ist richtig, die Erinnerung hilft, den Zweck der Entführung zu verstehen. Es geht ums Eigentum, darum, wem das Öl gehören soll.

Mossadegh und Pahlavi

Unter der Regierung Mossadegh war 1951 die anglo-iranische Ölgesellschaft (heute Britisch Petroleum, BP) verstaatlicht und diese Maßnahme mit einer gewaltigen Mehrheit in einer Volksabstimmung bestätigt worden. Daraufhin sorgte die CIA 1953 für einen Putsch. Mit Unterstützung der Briten wurde Reza Pahlavi zum Alleinherrscher gemacht, der im Gegenzug sogleich den US-Gesellschaften eine Mehrheit in der neuen Ölgesellschaft verschaffte. So wurde die angebliche kommunistische Aggression abgewehrt und die Intervention ein Modell für die Eisenhower-Doktrin von 1956, durch die allen Golfstaaten Wirtschafts- und Militärhilfe sowie der Beistand von US-Truppen gegen solcherart „kommunistische Aggressionen“ gewährt wurde.

Schon seinerzeit war das anarchische Gesetz des Stärkeren, der imperialistische Anspruch einer winzigen Minderheit von Milliardären, die Sicherung der Herrschaft von Eigentümern der wichtigsten Produktionsmittel, das Muster der „regelbasierten Ordnung“ nicht zu verkennen.

Sanktionen gegen den Iran

Am 31. Juli 2006 wurde der Iran durch den Sicherheitsrat (Resolution 1696) aufgefordert, weitere

Urananreicherung zu unterlassen. Es wurden Sanktionen verhängt, bis das Land einer

UNO-Resolution zustimmte. Sie heißt „Gemeinsamer umfassender Aktionsplan“ = Joint Comprehensive Plan of Action (JCPOA) und galt ab dem 19. Oktober 2015. technische Beschränkungen und Kontrollmechanismen sollten eine nukleare Bewaffnung verhindern. Im Gegenzug war die Aufhebung von Sanktionen versprochen.

Es blieb das Embargo für Waffen, Raketenbestandteile und Nukleartechnologie. Vom Iran sind alle Bedingungen eingehalten worden. Trump war es, der am 8. Mai 2018 den Austritt der

USA aus dem Abkommen erklärte. Bis zum Abschluss eines besseren gelten seitdem die alten Sanktionen in voller Härte. Ich habe keinen Überblick über die Sanktionen, aber sie halten das Land in Armut.

Und es leidet die Landeswährung Rial. Deren plötzlicher Kurssturz am 28. Dezember 2025 löste heftige Proteste aus. Wenn man den Berichten Glauben schenken darf, gerieten die Proteste von Beginn an zu blutigen Aufständen und durchschüttelten noch vor wenigen Tagen das Land.

Innerhalb des vergangenen Jahres war der offizielle Kurs der iranischen Währung um 13,7 % gesunken, allerdings gelten für den Grau- bzw. Schwarzmarkt andere Regeln. Hier mussten schon 86 % mehr für einen Euro bezahlen werden als vor einem Jahr. Am 28. Dezember wurde der Rial noch einmal abgewertet. Der neue Kurs: 1 Euro = 1,42 Millionen Rial. Die Abwertung führte sogleich zum Rücktritt des Zentralbankchefs Mohammed Resa Farsin. Der Rial befindet sich ab diesem Zeitpunkt im freien Fall. Innerhalb von drei Tagen, musste für einen Euro 1,70 Millionen Rial aufgewendet werden. Ein Wertverlust von annähernd 20 %.

Die rasche Abwertung trieb die Preise für Güter des täglichen Bedarfs in die Höhe. Und die Leute auf die Straße. Die Jahresteuerung lag im Dezember dem staatlichen Statistikzentrum zufolge bei 42,2 Prozent. Die Preise für Lebensmittel stiegen um 72 Prozent und für Medikamente um 50 Prozent. Hunderte Ladenbesitzer schlossen am 29. Dezember ihre Geschäfte in der iranischen Hauptstadt und forderten andere auf, sich den Protesten anzuschließen. Diese fielen blutig aus, offenbar gab es Tote, je nach Quelle in unterschiedlicher Zahl, in der Regel vierstellig. Offenkundig sind von Anfang an auch Ordnungskräfte darunter.

Geringe Rechtfertigungsrhetorik

Auffällig an der Operation zur Entführung von Maduro und seiner Frau ist der geringe Aufwand an politischer und völkerrechtlicher Rechtfertigungsrhetorik. Die deutsche Bundesregierung stützt das Vorgehen wie kaum eine andere EU-Regierung. Ursula von der Leyen knüpft an die Entführungaktion die Hoffnung auf mehr Demokratie.

Auch Friedrich Merz kritisiert Maduro, nicht aber Trump.

"Es gilt, einen geordneten Übergang hin zu einer durch Wahlen legitimierten Regierung zu gewährleisten", erklärte er. Die rechtliche Einordnung des US-Einsatzes sei "komplex", dafür nehme sich die Bundesregierung Zeit.

Merz wörtlich:"Nicolàs Maduro hat sein Land ins Verderben geführt. Die letzte Wahl wurde gefälscht. Die Präsidentschaft haben wir - wie viele andere Staaten auf der Welt - daher nicht anerkannt. Maduro spielte in der Region, mit unseligen Allianzen weltweit und durch die Verstrickung Venezuelas in das Drogengeschäft eine problematische Rolle."

Die vorgebliche Oppositionsführerin Maria Machado, die am 10. Dezember mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden ist, soll aber keine Rolle in der neuen Regierung spielen: Sie sei laut Trump „nett“, genieße aber keinen „Respekt“.

Edmundo González, den die USA im November 2024 offiziell als Präsident anerkannt hatten, wird nicht einmal mehr erwähnt. Stattdessen will die US-Regierung mit Delcy Rodríguez zusammenarbeiten. Die bisherige Vizepräsidentin ist gegenwärtig die verfassungsgemäß amtierende Präsidentin.

Im Zusammenhang mit der Maduro-Entführung prahlte Trump ganz offen vom großen Geschäft mit dem venezolanischen Öl: „Unsere großen Ölkonzerne werden viele Milliarden investieren und die marode Infrastruktur reparieren. Dann werden wir Geld machen.“

Just das steht unterdessen in Frage.

Exxon Mobil will nicht

Am Samstag, den 10. Januar, eine Woche nach der Maduro-Entführung bewirtete Trump die Herren der Ölkonzerne. Der US-Präsident warb um Investitionen in Venezuela. Die FAZ vom 13. Januar: Da Trump das Treffen mit den Ölmagnaten eigentlich nutzen wollte, um der Welt kundzutun, dass er Schulter an Schulter mit der US-Wirtschaft nun wunderbare Geschäfte in Venezuela und die reichen Erdölvorkommen dort bald zugunstender US-Bürger nutzbar machen werde, war es seiner Laune nicht zuträglich, öffentlich Einwände mitgeteilt zu bekommen, und das auch noch vom Chef des größten US-Konzerns.“ Die Einwände kamen von Daren Woods, dem Chef von Exxon Mobil (526 Mrd Dollar Börsenwert). Laut Woods erlauben derzeit die rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Venezuela keine Investitionen. Auf deutsch: der Preis für Leichtöl der Sorte WTI von 58,60 Dollar oder der für die Sorte Brent von 63 Dollar ist zu niedrig. Es lohnt nicht.

Der Anleihemarkt ziert sich

Die Aktienmärkte reagieren ebenfalls nicht freundlich auf Trumps Politik, namentlich zum Thema Zölle (FAZ 22. Januar 2026). Noch mehr dürfte den Präsidenten beunruhigen, wenn US-amerikanische Anleihen auf den Markt geworfen werden, mit der Folge, dass sie im Preise sinken.

Allerdings wird dieser Effekt unterschiedlich bewertet.

Lucas Zeise schreibt am Samstag, 24. Januar, in der jW: „Die Marktbewegungen in dieser Woche waren viel harmloser als die im April. Und die in europäischen Zeitungen geäußerte Hoffnung, den Markt für US-Staatsanleihen bei dieser Gelegenheit in Unruhe versetzen zu können, wirkte ein wenig lächerlich. Als 2023 ein paar kalifornische Banken umkippten, war ungleich mehr los. Der Gedanke, die Großgläubiger der riesigen US-Staatsschuld (derzeit etwa 26 Billionen US-Dollar) könnten im großen Stil und konzentriert ihre Bestände verkaufen, ist absurd. Sie wären bei den dann rasant fallenden Preisen ihres Vermögens die größten Verlierer eines solchen Manövers.“1

Nun ja, das Problem ist das der Größenordnungen.

Immerhin halten ausländische Gläubiger Anleihen in der Gesamthöhe von gegenwärtig 9355 Mrd Dollar. Allein 3141 Mrd liegen bei europäischen, 1203 Mrd bei japanischen, 939 Mrd bei chinesischen Gläubigern.

Nun hat ein dänischer Pensionsfonds unter dem Eindruck von US-Expansionsbestrebungen Richtung Grönland mitgeteilt, sich von US-Staatsanleihen im Wert von 100 Millionen Dollar (= 0,1 Mrd Dollar) trennen zu wollen. Das ist in der Tat keine Größenordnung, die den US-Anleihemarkt erschüttern könnte. Der schwedische Pensionsfonds Alecta verkauft, wie „Dagens Industri“ am 21. Januar berichtet, ebenfalls. Hier betrifft es ein Volumen von 7,7 bis 8,8 Mrd US-Dollar (jW 22.1.26). Das ist schon eine andere Hausnummer. Ein noch größeres Gewicht hat die Nachricht, dass sich die Investmentgesellschaft Pimco von US-amerikanischen Vermögenswerten trennen möchte. Das Unternehmen Pimco gehört zum Münchner Allianz Versicherungskonzern. Es hat sich auf Anleihen spezialisiert und ist zwar inzwischen mit 1,87 Billionen US-Dollar Anlagevermögen eines der größten Unternehmen in diesem Segment, aber als Nr. 14 in der Rangliste immer noch klein im Verhältnis zum Branchenersten Blackrock.

Tatsache ist aber auch, dass die Risiken nicht proportional zu den schieren Summen der Anleihen ausfallen. Denn schon die erwähnten Ansagen ließen die Renditen für zehnjährige US-Staatsanleihen auf 4,3 % klettern. Immerhin sind 26 Billionen US-Dollar in Gestalt von Anleihen im Umlauf. Bei sinkender Nachfrage oder wachsenden Verkaufszahlen sinken die Kurse. Folglich steigen bei festen Zinsen die Renditen. Die Schuldenaufnahme wird also teurer. Die Zinslast wächst aber nicht nur für den Fiskus, sondern für alle US-Amerikanerinnen und US-Amerikaner, die heute schon unter der hohen Inflation und wachsenden Hypothekenzinsen empfindlich leiden. Denn nicht nur der Staat lebt auf Pump, sondern auch der normale US-Bürger.

Die staaliche Schuldenlast ist hoch. Und sie wächst. Laut Statistischem Bundesamt (Statista) ist sie von 14,4 Billionen Dollar in 2010 auf 38,3 Billionen Dolar (2025) angewachsen. Insofern ist es von erheblichem Belang für die politischen Spielräume nicht nur von Trump, ob er niedrige Zinsen durchsetzen kann. Wenn also der Supreme Court, das höchste Gericht der USA, den Rauswurf der FED-Direktorin Lisa Cook durch Trump nicht absegnen sollte - und danach sieht es heute, am 23. Januar, aus - hätte Trump mal wieder eine Niederlage einzustecken und Fiskus wie US-Bürger sich auf steigende Zinsen, Inflation samt Crashs in der Folge einzustellen. Wir haben es allemal mit Wirkungen der Überproduktionskrise zu tun. Mit Kapitalismus.

Flood the zone

Unterdessen fällt auf, dass die Aufmerksamkeit der großen Medien nicht mehr auf Berichten und Einschätzungen zum Thema Entführung Maduros und die Folgen für Venezuela liegt. Stattdessen hören wir von den Aufständen im Iran, einem Land, dem die CIA schon früh allerlei Regeln oktroyierte. Wir lesen vom Kampf der dschihadistischen Regierung Syriens gegen die Kurden im Nordosten des Landes. Fotos aus dem Oval Office zeigen eine provokante Karte von ganz Nordamerika inklusive Kanada und Grönland, grundiert mit der US-Flagge. Trumps Auftritt in Davos und bei der Gründung eines bizarren Friedensrates füllen Bildschirme und Talkshows. Dürftiger fallen die Berichte über wachsende Proteste der US-Bevölkerung gegen King Trump („No King!“) und das Vorgehen der ICE-Truppe aus.

Es scheint, dass hier eine von Steve Bannon empfohlene Taktik waltet. Es geht um Desorientierung mittels Reizüberflutung. Steve Bannon sprach 2018 in einem Interview von „Flood the zone with shit”. Gegner sei nicht die Demokratische Partei, sondern die Medien. Diese könnten sich immer nur auf wenige Dinge konzentrieren. Bannon: „Alles, was wir tun müssen, ist: Den Raum überfluten, jeden Tag. Drei Dinge auf einmal tun. Wenn sie sich an einer Sache festbeißen, erledigen wir schon die nächste.“

Diese Taktik indes beschreibt einen Methode, politischen Einfluss zu gewinnen, nicht jedoch die Ziele. Die finden sich im „Project 2025“ der Heritage Foundation, aber auch in der „Nationalen Sicherheitsstrategie“ (NSS) vom November 2025. Hier stehen kennzeichnende Äußerungen über das Verhältnis zur UNO, internationale Organisationen und deren Regeln. Verweise auf die Verbindlichkeit des Völkerrechts fehlen. Zu Beginn des schmalen Textes heißt es: „Vorrang des Nationalen: Die grundlegende politische Einheit der Welt ist und bleibt der Nationalstaat. Es ist natürlich und gerecht, dass alle Nationen ihre Interessen in den Vordergrund stellen und ihre Souveränität wahren. Wir stehen für die Souveränitätsrechte der Nationen, gegen die souveränitätsuntergrabenden Eingriffe der aufdringlichsten transnationalen Organisationen und für die Reform dieser Institutionen, damit sie die individuelle Souveränität unterstützen statt behindern und die amerikanischen Interessen fördern.“

Aber die Begeisterung für nationale Souveränität hat Grenzen. Weiter unten zum Thema „Westliche Hemisphäre“ proklamiert die NSS: „Nach Jahren der Vernachlässigung werden die Vereinigten Staaten die Monroe-Doktrin wieder geltend machen und durchsetzen, um die Vorrangstellung Amerikas in der westlichen Hemisphäre wiederherzustellen und unser Heimatland sowie unseren Zugang zu wichtigen geographischen Gebieten in der gesamten Region zu schützen. Wir werden Wettbewerbern außerhalb der Hemisphäre die Möglichkeit verweigern, Streitkräfte oder andere bedrohliche Kapazitäten in unserer Hemisphäre zu positionieren oder strategisch wichtige Vermögenswerte zu besitzen oder zu kontrollieren.“

Klaus, MV der DKP Köln Innenstadt, 26. Januar 2026

Fußnoten:

1 Zum Thema „Umkippen einiger kalifornischer Banken“: https://dkp-rheinland-westfalen.de/index.php/aus-den-kreisen/koeln/5193-was-ist-und-welche-folgen-hat-die-rezession bzw: https://drive.google.com/file/d/1QyNQcH26bn1znTCxl6AIFWrnhXnYHNmf/view


Exkurs: Venezuela, Rohölpreise und Gewinnschwellen

Gemäß US-Präsident Trump sollen mindestens 100 Mrd. Dollar durch die Erdölindustrie in Venezuela investiert werden. Diese Summe erscheint für den sonst äußerst größenwahnsinnig auftretenden US-Präsidenten außerordentlich wenig.

Mehr als 180 Milliarden US-Dollar wären nach Schätzung der internationalen Beratungsfirma Rystadt Energy, die ihren Hauptsitz in Oslo hat, erforderlich, um die Förderung von derzeit etwa 800.000 auf zwei Millionen Barrel pro Tag zu steigern, und es könne bis 2040 dauern, dieses Ziel zu erreichen.“1

US-Energiesekretär Chris Wright will lt. Reuters die tägliche Förderung glaubt man seinen Aussagen in Davos am 21. Januar um 30 % kurz- bis mittelfristig heben.2 Für etliche Industrievertreter ist unklar, was ihnen das nützen soll.

Wahrscheinlich ist jedoch die Aneignung des venezolanischen Öls durch die USA nicht im Kontext kurzfristiger Profitinteressen zu verstehen, sondern es geht hier vermutlich eher um die langfristige Kontrolle und Sicherung des Regionalmachtsstatus der USA. Bei der relativ geringen Bedeutung der venezolanischen Erdölförderung für den Weltmarkt, darf nicht außer acht geraten, welche ungeheuren Mengen in Venezuelas Boden liegen (303 Mrd. Barrel) und dass Kuba nun kein venezolanisches Erdöl mehr erhält. Beides sind strategische Ziele der US-Politik. Venezuela war vor dem US-Angriff und der Verschleppung des Präsidenten der größte Öllieferant für Kuba mit angeblich 26 500 barrel-per-day (bpd)3. Das lag zwar weit unter dem Bedarf Kubas, doch das Ausbleiben der Lieferungen wird die Versorgungslage auf der sozialistischen Insel wahrscheinlich vor große Herausforderungen stellen.

Venezuelas Ölquellen bestehen überwiegend aus Schweröl, was aufwändig zu fördern ist, insbesondere muss es für den Transport verdünnt und erwärmt werden. Es ist mehr zäh asphaltartig als flüssig. Darüber hinaus schwefelhaltig, was es „sauer“ macht und spezielle Raffinationsprozesse erfordert. Damit gibt es deutlich höhere Kosten, bis es erschlossen, gefördert, transportiert und schließlich gehandelt werden kann, als das andere Förderungstechniken für Erdöl bieten können.

Im folgenden soll kurz betrachtet werden, wann sich aktuell die Förderung von Öl für Hersteller lohnt. Für den Rohölpreis, ab dem ein Fass Erdöl für den Hersteller „wirtschaftlich“ ist, es sich also lohnt, es zu produzieren, zu verkaufen und sich damit Mehrwert erwirtschaften lässt, gibt es die Bezeichnung „Break-Even-Point“; Gewinnschwelle. An diesem Punkt sind Gewinn und Verlust Null.

Die Geschichte der OPEC ist ein Kapitel für sich. Doch 2024 bildeten Nicht-OPEC-Länder, vor allem die USA 65 % des globalen Rohölmarkts, weshalb die OPEC und OPEC+ zwar leicht an Bedeutung verloren haben, bei zeitgleich nach wie vor relativ niedrigen Gewinnschwellen.

Tägliche Ölproduktion in Venezuela: 800 000 ­– 900 000 Barrel

In den 70ern lag die tägliche Produktion noch bei 3,5 Millionen bpd.. Heute trägt Venezuela etwas weniger als 1 % zur Weltproduktion bei. Täglich werden 2025 weltweit 106 Millionen bpd. gefördert. Insofern ist fraglich, was ein 30 % Anstieg der relativ geringen Fördermenge von Venezuela für Auswirkungen hätte. Ins Gewicht fallen diese weltweit offensichtlich kaum. Die USA ist der weltweit größte Energieproduzent geworden, insbesondere durch Schieferöl und Zerstörung und Vergiftung ganzer Landstriche und Lebensräumen. Die Zerstörung von Umwelt und Natur ist eine Eigenschaft von jeglicher Ölförderung und -verbrennung, doch die bodenlose Förderung der Frackingtechnologie in den USA zur Öl- und Gasgewinnung ist auf Pump auf Kosten von Mensch und Umwelt und bei einem geringen Ölpreis (wie derzeit) nicht einmal rentabel. Die größten Konkurrenten der USA in Ölfragen sind Saudi Arabien und Russland. Kanada, China und Brasilien folgen, vor dem Irak und Iran, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Kuwait. Das sind die Top-10 der erdölproduzierenden Länder (Venezuela ist auf Platz 18). Ende November 2025 hat die OPEC beschlossen, das aktuelle Niveau der Erdölförderung beizubehalten. Seitdem ist der Rohölpreis bei rund 60 $ pro Barrel Öl (Brent), was zu den tiefsten Werten seit knapp 5 Jahren gehört.

Die folgende Tabelle stellt die Break-Even-Preise für verschiedene Förderungstechniken dar:

Förderungsart Break-Even Punkt in $
Konventionelles Onshore‑Öl (Mittlerer Osten) ca. 27 $
Offshore‑Shelf (Kontinentalschelf, bis 200 m) ca. 37 $
Offshore‑Tiefwasser (Deepwater, 200-1500 m) ca. 43 $
Nordamerikanisches Schiefer‑/Tight‑Oil ca. 45 $, Non-Opec Durchschnitt: 47 $, bis zu 64 $ Permian, siehe EIA.
Ölsande (Oil Sands) ca. 57–75 $
Schwerstöl (Heavy Oil) ca. 50–100 $
Enhanced Oil Recovery (EOR) ca. 50–70 $
Ultra‑Tiefwasser / Arktische Förderung > 70 $

Quelle: Die Zahlen sind hauptsächlich aus der Rystad‑Energy‑Studie vom Oktober 2024 (globale Segment‑Break‑Evens).4 Für Fracking-Gas sind auch die Zahlen der US-Energiebehörde EIA vom April 2025 zu US‑Schiefer‑Break‑Evens interessant.5


Entwicklung des Ölpreises, Screenshot von: https://www.finanzen.net/rohstoffe/oelpreis

Venezolanisches Öl fällt unter die Kategorie Schwerstöl und damit wird deutlich, dass es unter aktuellen Umständen und mit dem aktuellen Rohölpreis kaum attraktiv für US-amerikanisches Monopölkapital sein dürfte, großartig in Venezuela zu investieren. Wer weiterhin die Rohstoffe des venezolanischen Volkes kontrollieren und über sie bestimmen wird, ist noch nicht entschieden, aber eines ist klar: So einfach, wie sich die regierende Oligarchenclique in den USA das vorgestellt hat, wird das nicht und es gibt viele Beispiele dafür, dass sie ihre Rechnungen ohne den Widerstand der Völker Südamerikas und ihren Kampf um Würde, Souveränität und Solidarität gemacht haben.

M, MV der DKP Köln-Innenstadt, 26. Januar 2026

Fußnoten:

1 junge Welt, 14.01.26 „Kriegsbeute Ölreserven“, Knut Mellenthin, https://www.jungewelt.de/artikel/515606.geo-und-energiepolitik-kriegsbeute%C3%B6lreserven.html

2 „Venezuela oil output can rise 30% in near-term, US energy secretary tells executives“, Reuters, https://www.reuters.com/business/energy/wright-tells-oil-executives-that-venezuelas-output-can-rise-30-sources-say-2026-01-21/

3https://www.nytimes.com/2026/01/17/world/americas/cuba-venezuela-oil-power-blackouts.html

4 https://www.rystadenergy.com/news/upstream-breakeven-shale-oil-inflation

5 https://www.eia.gov/todayinenergy/detail.php?id=65024


Zum Referat "Was folgt auf die Entführung von Maduro" als PDF

Zum Referat "Venezuela, Rohölpreise und Gewinnschwellen" als PDF